Das Sanitätshaus – 10 Fragen und Antworten

Sanitätshaus Binn

Der Weg zum Sanitätshaus

Der erste Gang zum Sanitätshaus ist für viele Betroffene besonders schwer. Wir wissen nicht wirklich, was uns erwartet und was beachtet werden sollte. Mit Kompressionsstrümpfen sind die meisten Erkrankten vorher nicht wirklich in Berührung gekommen. Wir haben ohne Erfahrung keine richtigen Anhaltspunkte, nach denen wir uns richten können. Ich habe mein erstes Rezept für eine Versorgung 2011 erhalten. Viele Jahre später weiß ich nun, was für ein Glück ich hatte, ein erfahrenes und kompetentes Sanitätshaus gefunden zu haben. Zu dem damaligen Zeitpunkt habe ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht, vielleicht falsch beraten zu werden. Umso wichtiger ist für mich heute Betroffene aufzuklären und zu informieren.

Ich lese regelmäßig im Internet Fragen zu Kompressionsstrümpfen, Herstellern und Sanitätshäusern. Für meinen heutigen Post habe ich mir, die meiner Meinung nach, 10 wichtigsten Fragen ausgesucht. Seit 2011 beziehe ich meine Kompressionsstrümpfe über das Sanitätshaus Binn in Düsseldorf. Frau Ilja Binn leitet das Sanitätshaus nicht nur mit Herz und Seele, sie ist selbst ebenfalls an Lipödem erkrankt. Folglich kennt sie die Sorgen und Probleme, die uns alle beschäftigen. Ich habe ihr die wichtigsten Fragen gestellt und die Antworten mit der Hoffnung zusammengefasst, euch ein wenig die Unsicherheiten nehmen zu können.

Die 10 wichtigsten Fragen und Antworten

Wir hoffen, dass dieser Blogpost ungeklärte Fragen beantworten und euch Sicherheit bei dem Umgang mit eurem Sanitätshaus geben kann. Gerne könnt ihr in den Kommentaren Anregungen, Fragen oder Anmerkungen hinterlassen.

Woran erkenne ich ein gutes Sanitätshaus?

Es ist immer gut in ein Sanitätshaus zu gehen, dass euch von vertrauenswürdigen Menschen weiterempfohlen wurde. Da aber nicht jeder von uns eine Person kennt, die regelmäßig ein Sanitätshaus besucht, gibt es drei wichtige Punkte an denen ihr euch orientieren könnt. Voraussetzung ist jedoch, dass die einzelnen Stufen und Schritte bis zu einer gut sitzenden Versorgung stets hinterfragt werden. Traut euch ruhig die Mitarbeiter des Sanitätshauses anzusprechen und Fragen zu stellen. 

  1. Zertifikate
    Schaut euch an, welche Zertifikate das Sanitätshaus erhalten hat. Dabei sind die Zertifikate der BUFA (Bundesfachschule für Orthopädietechnik) die wichtigsten. Daran könnt ihr erkennen, wie häufig Schulungen und Seminare besucht werden und wie gut die Mitarbeiter ausgebildet sind. Fragt ruhig nach der Regelmäßigkeit der Seminarbesuche. Auch wenn vieles bereits bekannt ist, kann man immer wieder Neues dazulernen.
  2. Praktische Erfahrung
    Die theorethische Ausbildung bildet die Grundlage, reicht aber nicht aus, um euch gut durch das Kompressionsstrumpf-Labyrinth zu leiten. In den Schulungen und Seminaren können die Mitarbeiter nur wenig üben, daher ist die Praxis umso ausschlaggebender. Während der Umgang mit dem Maßband bei Rundstrickversorgungen verhältnismäßig schnell zu erlernen ist, sieht das leider bei flachgestrickten Strümpfen ganz anders aus. Die Strümpfe werden nach Maß angefertigt und erfordern daher ganz genaue Angaben. Das gute und richtige Vermessen sollte daher keinem Zufall überlassen werden, sondern gekonnt sein. Natürlich fängt jeder von uns beruflich unerfahren an, aber dann muss gewährleistet werden, dass eine erfahrene Person die Maße kontrolliert oder beim Messen anwesend ist. An dieser Stelle könnt ihr nach einer durchschnittlichen Anzahl der Fachstrickversorgungen in der Woche fragen. Wird Flachstrick nur einmal die Woche gemessen, kann sich vermutlich keine Routine entwickeln.
    Sitzt eure Kompression nicht richtig, kann das an einer Fehlproduktion liegen, es kann aber aber auch die Folge einer nicht korrekten Vermessung sein. Müssen eure Kompressionsstrümpfe regelmäßig mehrfach eingeschickt werden, solltet ihr es in Betracht ziehen, dass der Fehler beim Hersteller, aber leider auch beim Sanitätshaus liegen kann.
  3. Die Zusammenarbeit mit Herstellern
    Erkundigt euch in eurem Sanitätshaus mit welchen und mit wie vielen Herstellern zusammengearbeitet wird. Bietet euer Haus nur einen Hersteller an, ist dies fragwürdig. Warum wird keine Vielfalt angeboten, wenn sie für den Betroffenen entscheidend sein kann? Fragt nach! Dass nicht Strümpfe aller Hersteller, die auf dem Markt zu finden sind, angeboten werden, kann viele nachvollziehbare Gründe haben. Aber die Versorgungen nur von einem Hersteller zu beziehen, kann unter Umständen große Nachteile für euch mit sich bringen. Es gibt durchaus Betroffene, die einen Firmenmix brauchen. Sie tragen an den Armen und Beinen Strümpfe unterschiedlicher Hersteller.
    Fragt außerdem nach den verschiedenen Farben. Neben den gängigen Standardfarben bringen einige Firmen jedes Jahr Trendfarben auf den Markt. Im Flachstrickbereich macht das keinen finanziellen Unterschied. Bietet euer Sanitätshaus also zum Beispiel nur hautfarbene und schwarze Kompressionsstrümpfe an, solltet ihr auch hier den Grund hinterfragen. Schließlich sind die Trendfarben meist mit keinen zusätzlichen Kosten verbunden.

Solltet ihr mit eurem Sanitätshaus unzufrieden sein, könnt ihr natürlich jederzeit wechseln. Wenn auf eure Fragen, keine für euch nachvollziehbaren Antworten folgen, ist das Haus vielleicht nicht das Richtige. Dann solltet ihr euch einen neuen Ansprechpartner suchen.

Wichtig ist es allerdings auch selbstkritisch zu sein. Natürlich könnt ihr falsch vermessen werden oder fehlerhafte Strümpfe erhalten. Aber am Ende des Tages dürfen wir nicht vergessen, dass es sich dabei um Kompressionsstrümpfe handelt, die eine Funktion haben. Die Strümpfe können die perfekten Maße haben und werden sich trotzdem nie wie eine Jogginghose anfühlen. Auch bei uns sollten wir hinterfragen, ob die Strümpfe sich vielleicht so anfühlen müssen, wie sie es tun. Empfehlenswert ist daher die Versorgung drei Mal zu tragen und zu waschen, bevor man mit der Kompression zurück ins Sanitätshaus geht. Denn die meisten Strümpfe verändern sich schon nach dem ersten Tragen und Waschen. 

Kann mich jedes Sanitätshaus mit den unterschiedlichen Strumpfarten ausstatten?

Grundsätzlich ja. Es hängt jedoch davon ab, wie gut die Mitarbeiter über die verschiedenen Möglichkeiten der Strümpfe und Strumpfhersteller informiert sind. Das wiederum hängt mit dem regelmäßigen Besuch von Schulungen und der Erfahrung zusammen. Abgesehen davon bietet nicht jedes Sanitätshaus Strümpfe verschiedener Marken an.

Gibt es unterschiedliche Messtechniken?

Es gibt zwei verschiedene Messtechniken. Das Ausmessen ist per Hand oder per Elektrogerät möglich. Dabei ist zu beachten, ob die Maße für eine Flach- oder Rundstrickversorgung gebraucht werden. Hier wird wie folgt unterschieden:

Rundstrick → Es wird auf das Bein gemessen → Das Messen kann per Hand oder Elektrogerät erfolgen.
Flachstrick → Es wird in das Gewebe gemessen → Das Messen sollte per Hand erfolgen.

Bei Flachstrickversorgungen wird auf Zug gemessen. Dies ist mit einem Elektrogerät aktuell nicht möglich.

Was sollte ich beim Messen beachten?

Wir Betroffenen sollten beim Messen aufmerksam sein. Hier gilt:

„Ich kann das richtige Messen fühlen.“

Natürlich ist es schwierig beim ersten Ausmessen zu erkennen, ob die Technik richtig angewendet wird. Aber mit der Zeit kommt auch die Erfahrung. Wie bereits erwähnt wird beim Lipödem in das Gewebe gemessen. Das hat zur Folge, dass ich als Betroffener durchaus fühle, ob auf Zug gemessen wird, wie die Person mit dem Maßband umgeht oder ob der Messende erklären kann, warum an einer Stelle fester gezogen wird als an einer anderen. Hier gibt es eine Regel, die ihr beachten könnt:

„Je kleiner der Radius, umso geringer der Zug.“

Bei einem Finger oder Zeh wird somit weniger auf Zug gemessen, als zum Beispiel beim Oberschenkel.

Kann ich mich auf das Messen vorbereiten?

Die entsprechenden Regionen sollten nicht eingecremt werden, da sonst das Maßband beim Messen rutscht. Außerdem sollte noch beachtet werden, dass Frauen kurz vor ihrer Periode einen größeren Umfang haben können. Solltet ihr bei euch einen großen Unterschied bemerken, ist es ratsam, das Ausmessen etwas hinauszuzögern. Voraussetzung hierfür ist der Besitz einer Wechselversorgung. Wenn es um eure ersten Strümpfe geht, solltet ihr keine Zeit verlieren.

Nach welchen Kriterien wähle ich den Hersteller?

An dieser Stelle muss auf das Wissen und die Erfahrung des Fachmanns vertraut werden. Natürlich könnt ihr die Wahl auch mit einem bestimmten Muster oder einer angebotenen Farbe begründen. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass die Strümpfe einen medizinischen Grund haben. Manchmal ist für die Gegebenheiten an den Armen oder Beinen die Stricktechnik und Verarbeitung eines Herstellers für den Einzelnen besser geeignet, als die des anderen. So tragen einige Erkrankte zum Beispiel an den Armen eine Versorgung von Juzo und an den Beinen eine Kompressionsstrumpfhose von Medi. Voraussetzung dafür ist, dass das Sanitätshaus nicht nur einen Hersteller anbietet.

Eine Anmerkung ist an dieser Stelle besonders wichtig! Euer behandelnder Arzt darf die Wahl des Sanitätshauses und die des Herstellers nicht für euch treffen. Eine Empfehlung auszusprechen ist vollkommen in Ordnung. Sollte euch allerdings vermittelt werden, dass die Strümpfe nur über ein bestimmtes Sanitätshaus bezogen werden können und ihr an einen vorgegebenen Hersteller gebunden seid, ist dies rechtlich nicht zulässig! Ihr dürft das Sanitätshaus frei wählen und seid nicht dazu verpflichtet, die Strümpfe eines bestimmten Herstellers zu tragen.

Warum bietet nicht jedes Sanitätshaus jeden Hersteller an?

Dies hat meist wirtschaftliche Gründe. Die verschiedenen Hersteller produzieren die Strümpfe in unterschiedlichen Preisklassen. Einige Krankenkassen kürzen zwischendurch den von ihnen genehmigten Betrag für die Versorgungen. Dies kann dazu führen, dass das Sanitätshaus die Differenz für euch ausgleicht. Nicht jedes Sanitätshaus ist allerdings finanziell dazu in der Lage oder möchte die Kosten dafür tragen. Dadurch kann es sein, dass Hersteller, die teurere Strümpfe als andere produzieren, nicht angeboten werden.

Außerdem muss für den richtigen Sitz der Kompression je nach Hersteller unterschiedlich gemessen werden. Ob die Mitarbeiter die Beschaffenheiten der Strümpfe gut kennen und die Arme und Beine entsprechend vermessen können, hängt von dem Sanitätshaus, den Schulungen und Erfahrungen ab.

Ein weiterer Grund könnte sein, dass das Sanitätshaus nicht hinter den Produkten aufgrund der Qualität oder Wirkung steht.

Warum muss in einigen Sanitätshäusern neben der Rezeptgebühr eine Zuzahlung erfolgen?

Auch dies hat leider wirtschaftliche Gründe. Einige Krankenkassen kürzen immer mehr das Budget für die Versorgungen. So kann es sein, dass euer Sanitätshaus die Strümpfe nicht ohne Zuzahlung anbieten kann. Einfach, weil die Krankenkasse nicht dazu bereit ist, den vollen Betrag zu zahlen. Damit ihr nicht auf günstigere Strümpfe umsteigen müsst, die für euch eventuell nicht geeignet sind, ist eine Zuzahlung daher sinnvoll. Im Rundstrickbereich sind außerdem Aufschläge für Farben gängig.

Vorsicht! Eine geforderte Zuzahlung muss jedoch nicht immer gerechtfertigt sein. Im Flachstrickbereich muss das Sanitätshaus keinen Aufschlag für Farben und meist keinen oder einen im Verhältnis geringen Aufschlag für Muster zahlen. 

Kann ich mir die Beschaffenheit der Strümpfe selbst aussuchen oder entscheidet das der behandelnde Arzt?

Bei der Entscheidung über die Beschaffenheit der Versorgung ist ein Zusammenspiel vom behandelnden Arzt mit dem Sanitätshaus erforderlich. Die Mitarbeiter des Sanitätshauses haben meist mehr Erfahrung mit den Strümpfen. Sie sind folglich häufig der beste Ansprechpartner. Da der behandelnde Arzt allerdings die entsprechenden Strümpfe recht detailliert auf den Rezept angeben muss, kann ein Anhang zum Rezept eine Hilfe sein. Frau Binn hat dafür mit ihrem Mann einen Zettel mit einer Liste aller möglichen Beschaffenheiten der Versorgung zusammengestellt. So könnt ihr im Sanitätshaus besprechen, was ihr für Besonderheiten braucht oder welche Änderungen zu eurer letzten Versorgung gut wären. Der behandelnde Arzt kann dann bei der Verordnung an den entsprechenden Stellen ein Kreuz setzen und den Zettel unterschreiben. 

So sieht der Zettel von Sanitätshaus Binn aus. Ihr könnt ihn gerne verwenden.

Welchen Rat sollte ich als Träger von Kompressionsstrümpfen unbedingt beachten?

Es gibt fünf Tipps, die beachtet werden sollten:

  1. Verschreibt euch der Arzt eine Doppelversorgung, solltet ihr nicht sofort beide Strumpfpaare oder Strumpfhosen bestellen. Stimmt etwas mit den Strümpfen nicht, liegt das Problem automatisch bei beiden Versorgungen vor. Tragt erstmal ein Paar zur Probe und bestellt erst, wenn alles in Ordnung ist, das zweite Paar. 
  2. Ihr dürft eure Strümpfe je nach Hersteller bis zu drei Monate nach Erhalt reklamieren. Sollten nicht sofort sichtbare Mängel auftreten, ist es empfehlenswert die Strümpfe einige Male zu tragen und vor allem mehrmals zu waschen. Viele Betroffene haben Angst, dass die Reklamation sofort erfolgen muss, weil sie sonst nicht mehr möglich ist. Das stimmt so nicht! Testet die Strümpfe ruhig 14 Tage. Bei einigen Herstellern verändern sich die Strümpfe deutlich nach dem Tragen und Waschen. Bevor ihr Angst bekommt, dass die Versorgung für euch nicht geeignet ist, solltet ihr dem Ganzen etwas Zeit geben. Eine Reklamation ist grundsätzlich bei vorhandenen Fehlern möglich! Bitte beachtet jedoch, dass es sich um keinen Reklamationsgrund handelt, wenn euch die ausgewählte Farbe doch nicht gefällt.
  3. Sollte es immer wieder zu Problemen mit euren Strümpfen und/ oder eurem Sanitätshaus kommen, ist es möglich das Haus zu wechseln. Das neue Sanitätshaus kann die aktuelle Versorgung übernehmen! Geht ruhig in ein neues Haus und besprecht einen Wechsel. Ihr müsst nicht damit warten, bis alle Bestellungen abgewickelt sind. Manchmal liegt der Fehler beim Sanitätshaus und da wir ja neue Strümpfe wirklich selten erhalten, kann den Betroffenen nicht zugemutet werden mit schlecht sitzenden Strümpfen durchs Leben zu gehen.
  4. Beine und Arme sollten regelmäßig eingecremt werden. Ist die Haut trocken, rutschen die Strümpfe mit den Hautschuppen runter. Mittlerweile gibt es spezielle Cremes für Träger von Kompressionsstrümpfen, die die Haut nähren, aber schnell einziehen. So wird das Anziehen der Versorgungen nicht unnötig erschwert. Haftränder können gut mit Brillenputztüchern gereinigt werden. Dann sollten sie wieder besser halten.
  5. Strümpfe sollten spätestens alle zwei Tage gewaschen werden. Es stimmt nicht, dass häufiges Waschen die Beschaffenheit der Strümpfe verschlechtert oder sie sogar kaputt macht. Im Gegenteil! Werden die Strümpfe nur selten gewaschen, können sie an Wirkung verlieren. Neben dem Waschen mit speziellem Handwaschmitteln, können die Strümpfe in der Waschmaschine mit Feinwaschmittel gewaschen werden. Auf Weichspülmittel sollte verzichtet werden. Bitte verwendet bei der Kompression außerdem kein Perwoll, da es rückfettend wirkt.

Wir hoffen, dass der Blogpost  informativ ist und wir damit die wichtigsten Fragen beantworten können. Ihr könnt euch gerne jederzeit an Frau Binn oder mich wenden.

Informationen zum Sanitätshaus Binn findet ihr auf www.sh-binn.de.

Sanitätshaus Binn

Eure

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